Unter dem Meeresgrund vor Venedigs Küste schlummert ein Schatz, den Forschende soeben aufgespürt haben: ein riesiges Süßwasservorkommen von der Größe des Gardasees. Die Entdeckung könnte für eine Region, die seit Jahren mit Wassermangel kämpft, eine Wendung bedeuten – vorausgesetzt, die technischen und rechtlichen Hürden lassen sich überwinden.
Wissenschaftler nutzten seismische Messungen und Bohrungen, um das unterirdische Süßwasserreservoir aufzuspüren. Es liegt in porösen Gesteinsschichten, die sich unter der Salzwasserschicht des Meeres befinden – eine Formation, die Hydrogeologen schon lange vermuteten, aber nie in dieser Größe nachgewiesen hatten. Die Dimension überraschte selbst erfahrene Forscher: Die Wassermenge erstreckt sich über Hunderte von Quadratkilometern und reicht teilweise bis in 800 Meter Tiefe.
Doch zwischen Entdeckung und praktischer Nutzung klafft eine breite Lücke. Süßwasser aus solchen Tiefenschichten zu fördern ist teuer, energieintensiv und technisch komplex. Hinzu kommt: Wer darf das Wasser nutzen? Venedig selbst versinkt ohnehin im Meer und verliert täglich Bewohner. Die umliegenden Regionen der Lombardei und Venetiens leiden dagegen unter chronischen Dürren, besonders in Trockenzeiten. Landwirtschaftsbetriebe müssen ihre Felder bewässern, Industriebetriebe brauchen Kühlwasser. Ein Streit um die Wasserrechte ist vorprogrammiert.
Umweltschützer warnen zudem vor unerwünschten Nebeneffekten: Könnte die Entnahme großer Wassermengen den Untergrund destabilisieren und damit die ohnehin fragile Lage Venedigs verschärfen? Salzwasser könnte in die Süßwasserschichten eindringen und das Reservoir unbrauchbar machen. Solche Szenarien erfordern umfangreiche weitere Studien.
Die italienische Regierung hat das Projekt auf ihre Agenda gesetzt. Erste Machbarkeitsstudien sollen noch dieses Jahr beginnen. Experten rechnen damit, dass selbst bei optimalem Verlauf mindestens fünf bis zehn Jahre vergehen, bis erste Wasser aus der Tiefe fließt. Bis dahin bleibt die Region auf konventionelle Lösungen angewiesen – Regenwasserspeicher, sparsamere Bewässerung, Recycling. Ob die Entdeckung am Ende tatsächlich die Wasserkrise löst oder nur ein weiteres ungenutztes Potenzial bleibt, hängt von Entscheidungen ab, die weit über Geologie hinausgehen.






