Abnehmspritzen für Kinder? Was bei Adipositas im Jugendalter zu beachten ist

Wenn ein Zwölfjähriger 90 Kilo auf die Waage bringt, fangen Eltern irgendwann an, verzweifelt nach Lösungen zu suchen. Diäten wurden probiert, Sport auch, doch die Pfunde kommen immer wieder. Rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als übergewichtig – bei etwa 800.000 von ihnen sprechen Ärzte längst von Adipositas, einer chronischen Krankheit. Kein Wunder also, dass die Debatte um die populären Abnehmspritzen inzwischen auch die Kinderzimmer erreicht hat.

Die Wirkstoffe, um die es geht, sind Glucagon-ähnliche Peptide – Semaglutid etwa, bekannt unter Namen wie Wegovy oder Ozempic. Sie bremsen den Appetit und verlangsamen die Magenentleerung. Bei Erwachsenen zeigen sie in Studien deutliche Effekte. Doch Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre Körper wachsen, ihr Hormonsystem steckt mitten in der Entwicklung, und damit wird die Sache kompliziert.

Es gibt allerdings erste Zulassungen. In der Europäischen Union darf Semaglutid seit einiger Zeit auch bei Jugendlichen ab zwölf Jahren mit starker Adipositas eingesetzt werden – allerdings nur als Ergänzung zu Ernährungsumstellung und mehr Bewegung, niemals als Ersatz. Klinische Studien mit Jugendlichen zeigten Gewichtsverluste im zweistelligen Prozentbereich des Körpergewichts. Das klingt beeindruckend, doch die Nebenwirkungen bleiben dieselben wie bei Erwachsenen: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen. In einer Phase, in der junge Menschen ohnehin anfällig für Essstörungen sind, verlangt das Fingerspitzengefühl von Ärzten und Familien.

Was viele Mediziner umtreibt: Was passiert, wenn die Spritze abgesetzt wird? Erfahrungsdaten von Erwachsenen legen nahe, dass das Gewicht schnell zurückkehrt. Wer also mit vierzehn beginnt, schaut möglicherweise auf Jahrzehnte der Behandlung – oder auf einen Jojo-Effekt, der die Psyche schwer belastet. Langzeitdaten zu Wachstum, Pubertät und Knochenentwicklung fehlen bislang weitgehend. Kinderärzte warnen deshalb vor einem vorschnellen Griff zur Spritze und verweisen auf strukturierte Therapieprogramme, die Ernährung, Bewegung und psychologische Begleitung bündeln.

Und dann ist da noch eine Frage, die selten laut gestellt wird: Was richtet eine Medikation mit einem jungen Selbstbild an? Wer lernt, dass der eigene Körper nur per Injektion zu bändigen ist, trägt diese Botschaft womöglich ein Leben lang mit sich herum.

Für Familien heißt das konkret: Abnehmspritzen können ein Baustein sein, wenn die Adipositas schwer ist und andere Maßnahmen versagt haben. Die Entscheidung gehört aber in spezialisierte Hände – idealerweise in ein Adipositas-Zentrum für Kinder und Jugendliche. Einfach beim Hausarzt ein Rezept abholen? Davon raten Fachgesellschaften ab. Die Spritze ersetzt nämlich nicht, was die eigentliche Arbeit bleibt: Essgewohnheiten neu aufbauen, die Familie mit einbeziehen, das Kind emotional aufzufangen.